Mittwoch, 9. September 2015

„That's how I came to Vienna“

Tausende von Flüchtlingen warten am Wiener Hauptbahnhof auf ihre Weiterreise. Menschen, wie du und ich. Ich war für texted.ch vor Ort um zu helfen und zu verstehen.

Je näher ich dem Bahnsteig kam der noch Tags davor von hunderten Flüchtlingen als Zufluchtsort gedient hat, desto beklemmender war das Gefühl in mir das mich bis zu meinen Erzählungen über den Tag nicht mehr loslassen sollte.

Mit dem Gedanken ein paar Sachspenden vorbeizubringen und mich als Dolmetscherin anzubieten fuhr ich am Montagvormittag mit einem großen Sackerl von Vero Moda in der Hand zum Wiener Hauptbahnhof. Mein Ziel waren die Gleise 11/12, die beim Treppenabgang zu den übriggebliebenen Flüchtlingen führten.

Als ich die letzte Stufe zum Abgang erreichte, konnte ich erst das ganze Geschehen erfassen das auf mich wartete. Obwohl die ersehnten Züge die vor einigen Stunden aus Ungarn abgefahren waren nicht in Wien angekommen sind, waren immer noch viele Flüchtlinge anzutreffen. Niemand wusste was mit diesen Zügen passiert war, allerdings habe ich die Besorgnis aus den Gesichtern der Flüchtlinge als auch aus den Augen der freiwilligen Helfer lesen können. Ich fühlte mich unter dem ganzen Gewusel ziemlich fehl am Platz – immerhin war ich weder eine Flüchtige noch habe ich mich als freiwillige Helferin gemeldet. Die Situation schüchterte mich ein und ich wusste erstmal nicht wo ich anfangen sollte. Bis ich einen jungen Mann alleine auf einer Bank sitzen sah, die gerade noch so für ein kurzes Gespräch bequem war. Sein gesenkter Kopf wurde zur Hälfte von einem dieser Telefone, die man auch aus den Telefonzellen kennt, verdeckt aber seine Körperhaltung war gerade. Fast so als ließe er sich nicht unterkriegen.

Zaher, der Name des dreiundzwanzigjährigen Manns, hob seinen Kopf ein Stück als ich direkt vor ihm stehen blieb. Zuerst wusste ich nicht, ob er ein Helfer oder ein Flüchtling war. Er sieht nicht wie ein typischer Flüchtling aus, dachte ich kurz bei mir. Zaher hatte ein Hemd unter einem Pulli an und darüber trug er eine viel zu große Weste die er wahrscheinlich von den Spenden erhalten hatte. Doch in seinen Augen erkannte ich die unglaublich tiefe Trauer eines Geflohenen – auch wenn er höflich lächelte. Anders als die anderen Flüchtlinge schien ich ihn nicht sehr zu stören, also nahm ich neben ihm Platz und erklärte ihm, dass ich Journalistin sei. Auf meine Frage nach einem Interview bejahte Zaher sofort und begann mit seinem Namen. My name ist Zaher, sagte er, woraufhin ich ihm meine Hand hinstreckte und sagte, dass ich Rhea heiße. Er erzählte mir, dass er aus Damaskus in Syrien kommt und dort fünf Jahre lang Business Administration studiert hat. Nun war es sein Ziel nach Großbritannien zu fahren, wo sein Onkel auf ihn warte und wo er weiterstudieren möchte. Doch er ist sich nicht sicher, ob er diesen Weg wirklich beenden kann. Zaher war vollkommen allein auf der Flucht in einem fremden Land und ich musste darüber nachdenken, wie stark ich mit meinen sechsundzwanzig Jahren in dieser Lage wäre. Auf meine Frage hin wie es ihm denn nun geht, obwohl das in dieser Situation doch eine sehr makabre Frage war, antwortete er höflich, dass er sich endlich sicher fühlte. In diesem Moment lächelte er wieder, doch seine Augen hätten nicht betrübter, ängstlicher und trauriger sein können.

Aus kurzen Gesprächen mit freiwilligen Helfern und einigen Flüchtlingen erfuhr ich, dass der Bahnhof Tags zuvor noch steckend voll war. Immer wieder trafen Züge mit unzähligen Flüchtlingen ein, die einfach nur glücklich waren aus Ungarn entkommen zu sein.

Adel hat eine Glatze, einen Bart wie so mancher Hipster heutzutage und einige Piercings. Auch kein typischer Anblick für einen Flüchtling, dachte ich mir. Doch damit schloss ich endgültig meine Vorurteile in eine winzige Kiste und versteckte sie in meinem Hinterkopf so, dass ich sie selbst hoffentlich nie wieder finden würde. Der junge Mann kam ebenfalls aus Syrien und wusste anfangs nicht was ich von ihm wollte bis ich ihm sagte, dass ich gerne einen Bericht über die Situation hier schreiben möchte, woraufhin er bereit war mir meine Fragen zu beantworten. Als wäre es selbstverständlich. Ich begann auch hier mit dem Namen und streckte ihm zur Begrüßung meine Hand hin. Als er mir meine Frage nach seinem Alter mit zweiundzwanzig beantwortete, wiederholte ich die Zahl nochmals fragend. Er sah mich etwas entrüstet an und fragte: Sehe ich denn älter aus? Vielleicht ist es der Bart, antwortete ich neckend. Er sei schon seit Samstag in Wien, berichtete er, und fühlte sich soweit sicher wie er sich eben sicher fühlen konnte. Nicht, dass er seit seiner Flucht jede Sekunde um sein Leben fürchten musste, jedoch möge er die Mentalität und vor allem die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Österreicher, weshalb er sich sehr wohl fühle. Auch er wollte nach Großbritannien – genau genommen England. Dort lebt sein Vater den er seit vier Jahren nicht mehr gesehen hat, doch habe er nicht die Möglichkeit legal zu ihm zu kommen weil er schon volljährig sei, erzählte er mir. Adel hat einen Plan B. Falls es nicht mit England funktionieren sollte, will der junge Mann nach Holland reisen wo ebenfalls Familie und Freunde auf ihn warten, denen er aber nicht so nah stand. Deshalb möchte er alles tun um zu seinem Vater nach England zu kommen – auch, weil er sehr gut Englisch sprechen konnte und somit nicht zwingend eine neue Sprache lernen müsste. Ich hörte Adel genau zu während ich mit gesenktem Kopf meine Notizen auf meinem Block niederschrieb, als er plötzlich inne hielt bis ich ihn ansah. Willst du die ganze Geschichte von Anfang an erfahren?, fragte er.

Die Tortur begann in Izmir. Adel, einige Menschen aus seiner Familie und auch Unbekannte bildeten eine Gruppe von fünfundfünfzig Menschen die in ein Schlauchboot, das für höchstens dreißig Leute genug Raum bot, zusammengepfercht wurden. Es schien dem jungen Mann damals sehr riskant, aber er hat es einfach auf sich genommen. Er hatte keine andere Wahl. Aufeinandergestapelt wie Legosteine fuhr das Boot geschätzte hundert Kilometer über das Wasser bis um zwei Uhr früh das Unglück passierte. Das kleine Boot hatte ein Leck und der Boden begann sich schnell mit eisigem Salzwasser zu füllen. Alle Menschen um Adel herum, und auch ihn selbst, ergriff Panik. Doch der junge Mann versuchte die anderen Menschen zu besänftigen indem er auf Arabisch und Englisch zu ihnen sprach. Er rufe sofort die Küstenwache, rief er in die chaotische Szenerie. Doch das hielt fünf Menschen nicht davon ab gegen ihren Überlebensinstinkt zu agieren und in das schwarze, tiefe Wasser zu springen. Die Rettung kam in Form von einem Hubschrauber und einigen Booten, die von der Küste von Samos unterwegs waren. Adel versuchte den Polizisten auf dem Festland Auskünfte über die anderen fünf Personen zu geben, die vom Boot gesprungen waren doch nur vier wurden gerettet. Die fünfte Person war ein ungefähr zwölfjähriger Junge, der nicht mehr gefunden werden konnte.
Von Tessaloniki begann ein harter Fußmarsch für Adel und seine inzwischen über fünfhundert Leidensgenossen. Der junge Mann mit Knochenkrebs, der immer einen kleinen Rucksack mit Schmerztabletten und anderen wichtigen Dingen bei sich trägt, marschierte geschätzte sechs Kilometer in der prallen Sommersonne mit seiner Gruppe auf Zuggleisen um nach Mazedonien zu kommen. Durch zwei Holzpfosten, die einen Durchgang darstellen sollten, wurden die Flüchtlinge von Polizisten hindurchgezwängt wodurch Adel von seiner Familie getrennt wurde. Die Polizisten waren mit Schlagstöcken, Tränengas und Waffen mit Gummigeschossen ausgerüstet und weil der junge Mann nicht wollte, dass die Polizisten eines der Dinge einsetzt versuchte er auch hier die Leute zu besänftigen, denn zur Warnung schlug die Polizei mit den Schlagstöcken auf ihre Schilder. Anstatt also stehenzubleiben und um Einlass zu bitten sollten sich die Menschen lieber ruhig verhalten und sich auf den Boden setzten damit die Polizisten die Flüchtlinge ohne Stress hindurchlassen konnten.

Adel zeigte mir viele Fotos und Videos die er mit seinem Smartphone auf seinem Weg nach Österreich gemacht hat. Unverfälscht und kommentarlos. Ich hatte keine Worte für die Dinge, die er mir zeigte und schüttelte die ganze Zeit nur mit dem Kopf während ich kurz mit der Zunge schnalzte – ein Laut, der im Mittleren Osten überall dasselbe bedeutet: Unglauben. I know, sagte Adel bloß auf mein Schnalzen.

Auf dem Weg nach Serbien wurde Adel ein weiteres Mal eingepfercht, doch diesmal in einen Zug. Die Menschen waren aneinandergedrängt und standen stundenlang in den engen Gängen, denn Sitzplätze waren längst belegt. Weiter sollte es nach Ungarn gehen aber Adel war fest entschlossen seine Fingerabdrücke nicht der ungarischen Regierung zu schenken. An der Grenze traf er drei seiner Freunde die er auf der Flucht verloren hatte. Auf ihren Bäuchen und in geduckter Haltung schlichen die Freunde durch ein geschätztes ein Kilometer langes Maisfeld über die Grenze, während sie mit dem GPS auf ihren Smartphones eine Tankstelle ansteuerten. Kurzzeitig, erzählte Adel, wurden sie von Irakis mit Messern bedroht und obwohl Adel und seine Freunde um ihr Leben fürchten mussten, schafften sie es zur Tankstelle an der ebenfalls Taxis standen. Eines davon brachte die Männer nach Budapest, doch auch da mussten sie vorsichtig sein, dass die Polizei sie nicht erwischte. Endlich angekommen kauften sich Adel und seine Freunde Tickets nach München, denn viel zu spät haben sie davon erfahren, dass für sie die Zugreise nach Wien gratis war. Während sie auf die Abfahrt warteten wollten die Männer in einem Hotel absteigen wo Leute wegen Platzmangel schon auf den Gängen schliefen. Aber dann fanden sie doch ein Zimmer für vier Personen. Und dann war Adel auch schon in Wien.

„That’s how I came to Vienna“, sagte er und lächelte. Adel hatte an diesem Tag ein Lachen, das auch seine Augen erreichte und mir zeigte, dass es doch auch etwas Schönes in diesem trostlosen Bahnhofabgang gibt. Während der junge Mann mir seine Geschichte erzählte, hatte sich ein älterer Mann zu uns gesetzt, der sich als Adels Onkel herausstellte. Also hat Adel wieder zu seiner Familie, oder zumindest zu einem Teil davon, gefunden. Sein Onkel begrüßte mich mit einem herzlichen Handdruck, indem er meine Hand in seine beiden nahm und freundliche Worte zu mir sprach, die ich trotz meines Persisch-Könnens nur erahnen konnte. Ich fühlte mich plötzlich richtig wohl, denn der alte Mann erinnerte mich an den persischen Teil meiner Familie.

Adels Antwort auf meine Frage, was sein größter Wunsch wäre, war, dass er bloß nach England wolle. Beim Verabschieden sagte ich noch zu Adel: Stay strong!, und gab ihm und seinem Onkel einen Händedruck der mehr bedeuten sollte als ich zu sagen hatte.

© Rhea Schlager

Kommentare:

  1. Es ist unglaublich was diesen Menschen passierte und leider noch immer passiert. Bin aber immer auch über diese traurigen Geschichten froh, denn damit bekommen Flüchtlinge ein Gesicht. (oft sieht man ja nur eine abgekämpfte Menschenmenge)

    Danke schön!

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